Zum ersten Mal seit der Gründung des Deutschen Gewerkschaftsbundes 1949 wird es 2020 keine Demos und Kundgebungen auf Straßen und Plätzen zum Tag der Arbeit am 1. Mai geben. Denn in Zeiten von Corona heißt Solidarität: mit Anstand Abstand halten.
Und trotzdem stehen wir am Tag der Arbeit 2020 zusammen – digital, in den sozialen Netzwerken, mit einer Live-Sendung am 1. Mai. Wir sind da. Wir sind viele. Und wir demonstrieren online unser Maimotto: Solidarisch ist man nicht alleine!
Wir sehen uns. Live! Am 1. Mai 2020 ab 11 Uhr. Auf der Website des DGB, auf Facebook und Youtube. Mit Live-Acts von Künstler*innen, mit Talks und Interviews und mit Solidaritätsbotschaften aus ganz Deutschland.
Ein Film von Leslie Franke und Herdolor Lorenz, 99 Min
Gesellschaftliches Leben und Kultur benötigen als Grundlage sozialen Zusammenhalt. Gemeinsinn, gemeinwohlorientierte Daseinsvorsorge und genossenschaftliches Handeln haben deshalb in unserer Kultur eine lange Geschichte. Sie sind in allen Bereichen des Zusammenlebens, auch und vor allem in kleineren Gemeinden wichtig.
Aktuelle gesellschaftliche Entwicklungen und die dahinterstehenden Leitbilder von Kostensenkung und Gewinnsteigerung auf Kosten der arbeitenden Menschen bedrohen diese Kultur erheblich. Die Arbeitsplätze der sogenannten neuen Ökonomie sind zunehmend davon geprägt, die Verschärfung des Wettbewerbs immer stärker auf den Einzelnen zu verlagern. Ehrenamtliche Tätigkeit, gemeinschaftliches Handeln und sich gegenseitig stützende soziale Beziehungen aufzubauen, wird immer schwieriger. Überlastung, Zeitmangel und Burnout machen Menschen das Leben manchmal unerträglich und beeinträchtigen darüber unser aller soziales und kulturelles Leben.
Diese Entwicklung behandelt der Film „Der marktgerechte Mensch“ von Leslie Franke und Herdolor Lorenz. Er hinterfragt Ursachen und Entwicklungen und zeigt Wege zu einem an den Bedürfnissen des Gemeinwohls orientierten Wirtschaftens auf. Er stellt Betriebe vor, die nach dem Prinzip des Gemeinwohls wirtschaften, Beschäftigte, die sich zusammenschließen und junge Menschen, die für Alternativen eintreten. Wir wollen mit diesem Film auch Anstöße zu einer Diskussion über die Kultur des sozialen Zusammenhalts in unserer Gesellschaft geben.
Deshalb: hinkommen, anschauen und mitreden.
Im Kulturhaus des Rambachhaus in Alsfeld konnte der DGB-Kreisvorsitzende Ingo Schwalm neben den zahlreich erschienenen DGB-Senioren die neue Sekretärin vom DGB-Mittelhessen Anna-Marie Boulnois und den Referenten Max Caesar begrüßen. Max Caesar, Student der Politikwissenschaft und Interkulturelle Wirtschaftskommunikation in der Friedrich-Schiller-Universität Jena, berichtete zunächst über befristete Arbeitsverhältnisse die 2018 doppelt so hoch wie 1996 waren. Insgesamt würden 3 Millionen Menschen 2018 in befristeten Arbeitsverhältnissen arbeiten – basierend auf einem gravierenden Anstieg der sachgrundlosen Befristungen. Im 1. Halbjahr 2018 sind 45 Prozent der Neueinstellungen befristet. Während die begründeten Befristungen seit 2001 auf einem gleichbleiben.den Niveau verharren, steigen die sachgrundlosen Befristun.gen stark an. Betroffen sind je.doch nicht nur Geringverdie.ner, sondern vor allem Frau.en, junge Menschen, Teilzeit.beschäftigte und solche ohne deutschen Pass. Jedoch zieht sich der Trend der Befristung durch alle Einkommens- und Altersgruppen. Trotz Fachkräftemangel sind berufliche Qualifikation oder ein abgeschlossenes Stu.dium kein Garant für unbe.fristete Stellen. Im Gegenteil: die meisten befristeten Arbeitsverhältnisse betreffen so.genannte hochqualifizierten Arbeitskräfte. Im Teilzeit- und Befristungsgesetz TzBfG sind acht Sach.gründe für eine Befristung geregelt. Diese Sachgründe sind dehnbar und können dazu genutzt werden den Kündigungsschutz auszuhebeln. Jedoch werden auch drei Gründe für eine grundlose Befristung geregelt. Zum einen ist es möglich Arbeitsverträge ohne sachlichen Grund bis zu zwei Jahre zu befristen, und innerhalb dieser zwei Jahre dreimal zu verlängern. Neugegründete Unternehmen haben die Möglichkeit Verträge mit einer Befristung von bis zu vier Jahren abzuschließen. Und sobald Arbeitnehmer 52 Jahre alt sind und vorher in keinem Arbeitsverhältnis standen, ist eine Befristung von bis zu fünf Jahren möglich.
Vor allem betroffen sind der öffentliche Sektor und das Gesundheitswesen. Infolge dessen weisen die Ostdeutschen Bundesländer einen höheren Befristungsanteil auf. Besonders kritisch sind die Zustände in der Forschung: 9 von 10 wissenschaftlichen Mitarbei.tern sind befristet angestellt, die Hälfte mit einer Vertragslaufzeit unter einem Jahr. Dies stellt eine Gefährdung der Attraktivität und Qualität an den Hochschulen da. Ein Gegengewicht kann jedoch die Mitgliedschaft in einer Gewerkschaft darstellen. Neben den offensichtlichen Vorteilen wie Rechtsschutz, tarifliche Leistungen, Unterstützung bei Tarifkonflikten, Beratung und Information, ein Sprachrohr in den politischen Raum zeigte die Studie „Trade Union Membership and Dismissals“ von Laszlo Goerke, Uni Trier auf, dass Gewerkschaftsmitglieder eine deutlich geringere Entlassungschance als Nichtmitglieder haben. Ein Grund dafür ist das Wissen über die Organisierung des Personals.
Nach dem Vortrag wurde sehr viel mit den Teilnehmerinnen diskutiert, wobei die DGB-Seniorinnen und Senioren den Berufsanfängern dringend empfahlen, sich doch frühzeitig einer Gewerkschaft anzuschließen und sich in dieser zu engagieren. Neben einer Mitgliedschaft forderte der DGB-Kreisvorsitzende Ingo Schwalm junge Menschen auf, bei einer Auswahl als Berufstätiger in einem Betrieb oder einem Unternehmen auch darauf zu achten, ob es eine Personalvertretung oder eine Betriebsrat vor Ort gibt. Ein Tarifbindung im Unternehmen/Betrieb sollte vor einer Entscheidung ebenfalls ein wichtiges Kriterium sein.
Wie sieht die jüngere Generation die jetzigen Arbeitsverhältnisse und warum ist es ratsam für Berufsanfänger in einer Gewerkschaft Mitglied zu werden.
Eine Veranstaltung der DGB-Senioren am Mittwoch, 23.10.2019 um 15.00 Uhr Kulturhaus im Rambachhaus, In der Rambach 9 in 36304 Alsfeld
Referent: Max Caesar, Student der Politikwissenschaft und Interkulturelle Wirtschaftskommunikation; Bachelor of Arts; Friedrich-Schiller-Universität Jena
ALSFELD
– „Europa. Jetzt aber richtig“ lautet das Motto des Deutschen
Gewerkschaftsbundes (DGB). Europa und die anstehende Europawahl am 26.
Mai werden im Mittelpunkt beim Tag der Arbeit am Mittwoch, 1. Mai, und
bei den beiden regionalen Veranstaltungen des DGB Vogelsbergkreis auf
den Marktplätzen in Alsfeld und Schlitz stehen.
Gleichberechtigung,
Solidarität, gute Arbeit – also ein soziales Europa mit mehr
Orientierung an den Bedürfnissen der Beschäftigten – so könnte
zusammengefasst die Forderung lauten, die der Kreisvorstand des DGB nun
während eines Pressegesprächs formulierte. Hinzu kommt für den
heimischen Bereich das Thema bessere Chancen für Frauen beim
Wiedereinstieg in das Berufsleben. Denn laut Vorstandsmitglied Brigitte
Theiß von der Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG) sei das
Angebot an Teilzeitarbeitsplätzen und damit auch an der Teilhabe an der
Sozialversicherung mehr als gering. Mini-Jobs auf 450-Euro-Basis und
damit der Niedriglohnsektor bestimmten den Arbeitsmarkt. „So schafft man
Altersarmut von morgen“, kritisierte Theiß.
Und
noch eines wurde während des Pressegesprächs selbstkritisch gesehen:
Die Mitgliederzahlen in den Gewerkschaften seien in den vergangenen
Jahrzehnten erheblich gesunken. Die Notwendigkeit von Gewerkschaften
werde in Gesellschaft und Arbeitswelt zwar anerkannt, stehe aber im
Widerspruch zu den aktuellen Zahlen. 7700 Mitglieder zählte der DGB
Vogelsbergkreis im Jahr 2018 in den acht Einzelgewerkschaften. Knapp
sechs Millionen Mitglieder waren es im Vorjahr bundesweit im DGB. Die
Zahlen lagen früher deutlich höher.
Wir
brauchen ein gerechteres Europa, Mindestlöhne, die über der
Armutsgrenze liegen und ein soziales Miteinander, forderten
DGB-Kreisvorsitzender Ingo Schwalm (Romrod) und Kathrin Harth,
Organisationssekretärin des DGB Mittelhessen. Beide wurden konkret: gute
Arbeitsbedingungen und einen Flächentarifvertrag in allen EU-Ländern
sowie einen Mindestlohn in Deutschland von 12 Euro. Die sozialen
Interessen müssten Vorrang haben vor den Interessen der Unternehmen.
„Dazu brauchen wir europaweit gültige Standards für die
Arbeitsbedingungen statt Dumpingwettbewerb“, sagten Schwalm und Harth
und fügten an: „Europa. Jetzt aber richtig! heißt auch
Zukunftsinvestitionen für Wachstum, Arbeitsplätze, Bildung,
Infrastruktur, um das Leben der Menschen in Europa nachhaltig und
konkret zu verbessern. Europa muss Vorbild werden; Vorbild auch darin,
dass Rechtspopulismus und Nationalismus für Europa keine Lösungen sind.“
Im Gegenteil: Die Brexit-Abstimmung in Großbritannien und ihre Folgen
hätten gezeigt, wohin es führe, wenn diejenigen die Oberhand gewinnen,
die Ängste schüren, aber keine Konzepte für die Zukunft hätten. Denn:
Europa brauche Frieden und Freiheit, Gerechtigkeit und sozialen
Zusammenhalt.
„Klare Kante zeigen“
„Am
1. Mai heißt es deshalb auch: klare Kante gegen Rechts und alle, die
unser Land und Europa spalten wollen, zu zeigen“, sagte Ingo Schwalm.
Der Tag der Arbeit werde in diesem Jahr somit auch ein Tag für die
europäische Solidarität, den gesellschaftlichen Zusammenhalt und den
sozialen Fortschritt, für gute Arbeit, gute Einkommen und
Arbeitsbedingungen, mehr Tarifbindung und eine Rente, die für ein gutes
Leben reiche.
Bei
der Kundgebung auf dem Marktplatz in Alsfeld, die in jahrzehntelanger
Tradition der Arbeiterbewegung aus der Region steht, wird Helena Müller
aus dem DGB-Landesbezirk Hessen-Thüringen Hauptrednerin sein. Die
Gesamtorganisation liegt erstmals in den Händen von Ingo Schwalm, der
seit 2018 neuer DGB-Kreisvorsitzender ist. Daneben stehen Grußworte aus
den Einzelgewerkschaften und demokratischen politischen Parteien sowie
von Bürgermeister Stephan Paule (CDU) auf dem Programm. Umrahmt wird die
Maikundgebung wieder mit Live-Musik von Liedermacher Broder Braumüller
(Lauterbach) und mit Info-Ständen der Gewerkschaften. Für Speisen und
Getränke ist gesorgt. Beginn der Veranstaltung, zu der die Bevölkerung
eingeladen ist, ist um 10 Uhr.
Selbstkritisch
äußerte sich DGB-Kreisvorsitzender Ingo Schwalm während des
Pressegesprächs auch DGB-intern. 16 Prozent der Gewerkschaftsmitglieder
hätten bei der Bundestagswahl der AfD mit ihrer „arbeitnehmerfeindlichen
Politik“, ihre Stimme gegeben. „Dafür schäme ich mich“, sagte Schwalm
in einer persönlichen Erklärung wörtlich.
Oberhesssiche Zeitung (26.04.2019)